Freitag, 7. September 2012

Bis 17:30Uhr war die Welt noch in Ordnung



Aus meinem Leben in Montero, Santa Cruz:

Ich bin heute mal wieder um kurz vor  8Uhr wach geworden. Bin aber auch schon gegen 19Uhr ins Bett gegangen. Ich muss zugeben, dass die 6 Stunden Zeitverschiebung immer noch an mir nagen.
In der Nacht bin ich öfters aufgewacht, weil ich das Gefühl hatte, ich ersticke in meinem, mit Moskitonetz behangenem, Bett. Ich muss nämlich meine Tür in der Nacht abschließen, da ich nachts ganz alleine im „Haus“ oder sagen wir besser, Flur mit einzeln verschließbaren Zimmern, bin. Das Zimmer hat zwar ein Fenster, was auch die ganze Zeit offen steht und einen Ventilator an der Decke, aber trotzdem staut sich die Luft total.

Jetzt gerade sitze ich in eben diesem Zimmer, frühstücke ein bisschen und ehrlich gesagt drücke ich mich vorm Duschen. Der Waschkomplex liegt nämlich draußen. Ich kann mir vorstellen, dass das hier echt mal schön ausgesehen haben muss, aber mittlerweile ist es echt heruntergekommen und dreckig. Überall schwirren Fliegen und Mücken und Dusche sowie Toilette stehen vor Dreck. Ich frage mich ja manchmal echt wieso arm oft auch dreckig bedeutet… Denn eigentlich sind die hier gar nicht so schlecht ausgerüstet. Wie gesagt ich habe Internet, fließend Wasser, es gibt nen Kühlschrank etc. Ich glaube aber mittlerweile eher, dass es hier an der Einstellung liegt. Maria die hier von  8-17Uhr arbeitet bzw. eher schläft und Fernsehen guckt, sich die Nägel feilt, Musik hört oder in Internet ist, fegt zwar manchmal, aber ansonsten scheint es hier irgendwie egal zu sein, dass es dreckig ist. Aber sie muss ja hier auch nicht duschen und die Mücken auf dem Klo stechen sie wahrscheinlich gar nicht. Darum gehe ich übrigens auch ungerne aufs Klo. Man kann sich einfach nicht entspannen, bei gefühlten 10 Mücken, die einen am ganzen Körper stechen könnten. ;) 

Also wie ihr vielleicht schon mitbekommen habt, ist das hier ein Selbstversorger Haushalt. Ich muss alleine einkaufen, kochen, waschen und anscheinend auch mal ne Grundreinigung mit den nicht vorhandenen Putzmitteln machen. Hier kann ich auf jeden Fall schonmal üben, für meine erste eigene Wohnung.
Gestern war ich das erste Mal im Supermarkt und hab mich echt n bisschen gefühlt wie im Zoo. Aber so ist das in ner kleineren Stadt, wo es eben abgesehen von einer Freiwilligen, keine Ausländer, geschweige denn viele europäische aussehende Menschen gibt.
Im Moment arbeite ich noch nicht, da sie wollten, dass ich mich erst mal in Ruhe einrichten und zurechtfinden kann. Montag wurde für meinen ersten Arbeitstag angesetzt, aber ich denke ich werde vorher anfangen, denn im Moment bin ich hier doch ziemlich einsam. Denn abgesehen von Maria, bin ich hier wie gesagt alleine. 

Gestern hatte ich also den ganzen Tag für mich zum Einrichten und ein bisschen Skypen. Mein Zimmer ist schön groß, mit einem riesen Schrank, einem Doppelhochbett, einem mini Tisch und einem Computertisch. Es ist zwar ein bisschen schimmlig, staubig, der Putz blättert ab und die Matratze ist so durchgelegen, dass ich in der Mitte den Lattenrost spüre, aber man gewöhnt sich an alles und es könnte schlimmer sein. Nachdem ich ein wenig geputzt hab, geht’s jetzt auch.
Aber ich muss wirklich sagen, dass die Leute hier sehr nett sind. Maria ist sehr freundlich, auch wenn ich mich erst kurz mit ihr unterhalten habe und Tita, eine etwas ältere Frau, die auch bei CLEM arbeitet und mir hier am Anfang alles gezeigt hat, ist auch richtig süß. Sie hat mich direkt am Mittwoch, dem ersten Tag, mit zu ihrer Familie genommen, wie haben zusammen gegessen und alle waren wirklich total herzlich. 






Am Mittwoch bin ich auf jeden Fall in Montero angekommen, nach einer Nacht in Santa Cruz de la Sierra (der Stadt, in der ich 2010 schon einen 5-monatigen Austausch gemacht habe) im „Virgen de Guadalupe“. 
Bett im "Virgen de Guadalupe"
Dort sind wir um ca. 13 Uhr angekommen, nachdem wir erst von Frankfurt  mit TAM Airlines 11h10min nach Sao Paulo(Brasilien) geflogen, von da aus 1h45min nach Asuncion (Paraguay) und letztendlich nochmal 2h nach Santa Cruz. Es war wirklich schön, die Stadt nochmal zu sehen, in der ich immerhin ein paar Monate gelebt habe. Bis auf ein paar Verspätungen ist flugtechnisch alles glatt gelaufen. Was auch mal ne nette Abwechslung war zu dem, was bis Frankfurt alles passiert ist…

Bis 17:30Uhr war die Welt noch in Ordnung. Ich war zwar ziemlich aufgeregt und gestresst, aber Sanje war ja bei mir und in der Bahn konnte ich seine Hand ganz fest drücken. Von TAM Airlines hatte ich im Voraus telefonisch eine Nummer bekommen, die ich für mein Bahnticket in einen Schalter eintippen musste. Und wie ihr euch jetzt bestimmt schon gedacht habt: DIE NUMMER FUNKTIONIERTE NICHT!! -.- Mein Zug , der ICE 613, ging aber um 17:55Uhr. Das bedeutete, dass Papa, Kili und Sanje schon mal zum Gleis gingen und ich mit meiner Mama durch den Bahnhof Köln hetzte. Erst zum Bahninformationsschalter, wo wir zum Glück vorgelassen wurden und die Frau dann mit uns die Nummer nochmal ausprobierte. Da das nicht klappte, wurden wir dann zum Reisecenter geschickt, wo wir hinrannten, eine Nummer zum Warten ziehen mussten (17:40), wieder vorgelassen wurden und im Endeffekt ein neues Ticket für 64€ kaufen mussten (das Geld werden wir aber auf jeden Fall bei TAM einfordert, denn die Frau am Telefon hat einen sprachlich noch nicht mal richtig verstanden und mehr als mehrmals nachfragen, kann man auch nicht). Auf jeden Fall wurde das Ticket dann um 17:49Uhr ausgestellt (und ja ich weiß das so genau, weil es auf meinem Ticket drauf steht ;)). Ich, die ganze Zeit schon den Tränen nah, hetzte also mit meiner Mama wieder zurück zum Gleis, wo auch schon meine Tante Sandra samt Cousin Maxi und Cousine Lena und Hanna und Karla (zwei sehr gute Freundinnen) auf mich warteten. Ja und dann konnte ich mich nicht mehr zurück halten, viele Tränen sind geflossen und ich war innerlich ziemlich wütend, weil ich gerne noch etwas mehr Zeit zum Verabschieden gehabt hätte und nicht nur jeden einmal kurz umarmt....-.- Außerdem hatte ich in dem ganzen Gehetze auch noch meinen Tabak verloren…
Ich habe mich aber sehr gefreut, dass ihr alle da wart und vermisse euch jetzt schon!
Im Zug habe ich mich dann noch weiter geärgert und geweint. Zum Glück hat mich die Frau, die neben mir saß, ein bisschen getröstet. Ich bin mir echt vorgekommen, wie ein kleines Kind, was sofort Heimweh bekommt und wegen jedem Blödsinn weint.
 
In Frankfurt angekommen (18:51) musste ich dann meinen 17kg schweren Trackingrucksack und einen 9kg schweren Handgepäckrucksack +Kissen und Kuscheldecke irgendwie tragen und einen 27,5kg schweren Koffer ziehen, was mich mit meiner schlechten Laune noch mehr genervt hat. Dann bin ich auch noch in die falsche Richtung gelaufen und wollte keine 2€ für einen Gepäckwagen ausgeben…

2x23kg darf man bei TAM mitnehmen. Die Freiwilligen-Gruppe von unserer Organisation „BolivianischesKinderHilfswerk“, die schon im August geflogen ist, hatte extra geschrieben, dass das kein Problem sei, die würden nur auf die Summe achten, eine hätte sogar 6kg Übergewicht gehabt. Aber wie es kommen musste, so kam es. Die Leute, die am Montag am TAM-Schalter saßen, sahen das nicht so. 90€ musste eine bezahlen und auch ich hätte das gemusst, hätte ich nicht umgepackt.  Schweißtreibend hab ich dann also meine Koffer an die Seite gehievt, immer wieder einzeln zur Waage geschleppt und es im Endeffekt, nach ner gefühlten Stunde, wo alle mein Gepäckinneres angeglotzt haben, auf 2 x 21kg geschafft. Gut, dass das Handgepäck nicht nachgewogen wurde, das war dann nämlich 11,5kg schwer. 

Nachdem ich mich dann bei einigen Mitfreiwilligen über mein Glück ausgekotzt, eine geraucht & mir einen Starbucks-Frappé gegönnt hatte, gings mir dann irgendwann auch wieder besser. Wir haben im Flugzeug schön viel Essen bekommen, ich habe „The lucky one“ (den ich übrigens nicht so gut fand) und „Plötzlich Star“ (leider nicht bis zum Ende) geguckt. In den TAM riesen Flugzeugen hat nämlich jeder seinen eigenen Bildschirm und auch sonst war ich vom Service sehr begeistert.

In Santa Cruz angekommen wurden wir von Fernando abgeholt und zum Hotel gebracht. Der war auch wirklich sehr nett und hat mich später auch noch nach Montero begleitet und mit mir was gegessen. Theresa, eine ehemalige Freiwillige, die in dem Projekt war, wo ich jetzt bin, haben wir in S.C. auch noch getroffen und sie hat mir ein paar hilfreiche Tipps gegeben, was mir die Angst auch ein bisschen genommen hat.

Naja und den Rest hab ich ja oben schon erzählt. Ich weiß, das war jetzt was viel, aber am Anfang gibt’s ja meistens viel zu berichten. ;) Über meine Arbeit im „Centro Medico“ und warum, das, als was ich arbeiten werde, nichts mit dem zu tun hat, was bei mir im Vertrag stand, berichte ich dann beim nächsten Mal…

Danke fürs lesen & ich geh jetzt mal duschen! Was muss das muss, nicht wahr? ;D

Küsse an meine Liebsten aus Köln,

Jacky

2 Kommentare:

  1. Wow schön zu lesen ,ehrlich Worte und klingt nach einem Abenteuer. Ich hoffe dir wird es die Zeit gut gehen und das du bald nicht mehr so alleine bist. Ich schaue regelmäßig rein um zu erfahren wie es dir geht und werde dich auf dem Laufenden halten ;) Machs gut meine Liebe <3

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